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Rolf Boysen- Das InterviewINDEPENDENT THEATRE spricht mit dem großen Schauspieler |
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Exclusives Interview mit einem der wichtigsten Mimen des deutschsprachigen RaumesRolf Boysen, 1920 in Flensburg geboren und seit 1978 (wieder) an den Münchner Kammerspielen engagiert, gehört zu den wichtigsten Schauspielern des deutschsprachigen Raumes.Eine Vielzahl von Rollen hat er in seinem langen Theaterleben gespielt, hat mit Regisseuren wie Kortner, Lietzau, Dorn, Piscator, Schweikart und Langhoff gearbeitet. Jemand hat einmal gesagt, gute Schauspieler seien wie guter Wein; sind sie schon gut in jungen Jahren, werden sie im Laufe der Zeit beständig besser. Wir hatten, aus Geburtsgründen, nicht die Gelegenheit, Boysen als jungen Schauspieler zu sehen; jetzt aber ist es für uns jedes Mal eine Sensation, ihn zu erleben. Es gibt keinen Schauspieler, der mehr fasziniert: Sprache wird zu Bild, Worte bilden Raum; Rhythmus, Kraft, Energie verdichten sich zu einem Leuchten, das dem Zuschauer Türen öffnet, wo er niemals welche vermutet hätte. Ob als König Lear, Borkman, als Dorfrichter Adam oder als Amenhotep in Achternbuschs Meine Grabinschrift: Wenn Rolf Boysen auf der Bühne steht, werden Sprache und Körper zu einer Einheit, Theater wird zu Bild, und, endlich zu einer Freude, wie man sie nur selten findet. Es gibt nicht viele Theateraufführungen, die man glücklich verläßt. Spielt Boysen, kann man sich auf Theater verlassen. Markus Zohner traf Rolf Boysen in München. Herr Boysen, Ihre schauspielerische Arbeit steht weit über der so vieler Anderer: Wie nähern Sie sich einer Rolle? Boysen: Ja, wie gehe ich eine Rolle an? Nun, das dürfte wohl sehr verschieden sein. Es ist ja klar, daß man an Die Grabinschrift von Herbert Achternbusch anders herangeht als an den Kurfürst in Kleists Prinz von Homburg oder, noch deutlicher, an den Lear. Der Kurfürst entsteht ja sehr aus der Sprache. Lear weniger, oder, sagen wir, nicht so zwingend aus der Sprache selbst, sondern da muß man schon zurückgreifen auf ganz elementare innere menschliche Situationen. Und auf eigene Lebensanschauungen, vielleicht könnte man es so sagen. Insofern unterscheidet es sich, an welche Rolle man herangeht. Aber rein technisch fängt es ja zunächst mal damit an, daß man sie liest, und schon bei Lesen entdeckt man Ecken, bei denen man sich vorstellen könnte, daß es eventuelle Höhepunkte sein könnten. Oder man entdeckt in der Sprache Dinge, wo man meint, man könne dort etwas aufblühen lassen- zum Beispiel bei der Grabinschrift gibt es so Stellen. Und genau das muß man aber tun, denn man könnte die Grabinschrift nicht spielen, wenn man sie nicht sprachlich so behandeln würde. Es wäre ja sehr langweilig, wenn man sie nur so runterlesen würde. Beim Lear ist das ganz anders- dort ist es die Situation, die sich aus der Handlung ergibt, und die diese wahnsinnigen menschlichen Eruptionen hervorbringt, während der Kurfürst ja sehr streng sprachlich geführt ist (der Prinz von Homburg ist vom Anfang bis zum Schluß im fünf-füßigen Jambus geschrieben), da ergibt sich vieles aus der Sprache. Trotzdem muß man aber schon eine innere Anschauung zu der Figur haben. Gerade beim Kurfürst ist das ganz wichtig, weil es in gewissem Sinne ja auch eine politische Figur ist. Nun muß man sehen, was die Überhand gewinnt: Ist es ein ganz politisches Stück, oder ist es ein Stück über Traum, oder ist es ein Stück über Staatsführung- da muß man sich schon entscheiden. Es ist immer ein Unterschied zwischen dem, was man sich im Innern klarmacht, und dem, was man spielt; man darf ja nicht alles herauslassen. Für mich ist der Kurfürst, trotz der Menschengüte, die er zeigt, ein Unmensch, indem er dem Prinzen von Homburg den Traum wegnimmt- also das Menschlichste, was einer hat. Aber er weiß nicht, daß er ein Unmensch ist, er hält sich für einen sehr guten, väterlichen Landesvater. So ist es sehr verschieden, wie man an die Rollen herangeht. Ich bin ein verhältnismäßig Langsamer, das dauert seine Zeit, es muß sich langsam entwickeln. IT: Was mich immer wieder fasziniert hat, wenn ich Sie auf der Bühne gesehen habe, ist, daß Sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Schauspielern vor allem auch Ihrer Generation, sehr stark körperlich arbeiten- in jeder Ihrer Rollen... Körper-Theater ist ja heute eine große Mode, allerdings sieht man häufig, daß hier die Inhalte viel zu kurz kommen. Nicht so bei Ihrer schauspielerischen Arbeit: Sprache und Körperlichkeit bilden eine Einheit und führen so zu einer niegesehenen Durchlässigkeit. Boysen: Es freut mich, wenn Sie das sagen, allerdings kann ich es nicht beurteilen, denn ich sehe mich ja nicht selbst. Allerdings halte ich das, was Sie sagen, für sehr wichtig, ich denke, so muß es sein. Die Körperlichkeit ohne Sprache ist ekelhaft aufdringlich- wenn sie nicht selbst zu einer sehr hohen Kunst gebracht wird. Ich weiß an jeder Stelle ganz genau, was ich tue und warum ich es tue. Die Körperlichkeit ist total kontrolliert, es entstehen keine unbewußten Dinge. Und das halte ich für wichtig, denn Sie müssen ein Ziel haben- und dem diesem Ziel versuche ich zu folgen. IT: Die Welt, in der Sie arbeiten, ist vollkommen verschieden von der, in der ich mich bewege: Sie sind seit vielen Jahren an einem festen Haus, den Münchener Kammerspielen beschäftigt, sind also in ein Ensemble eingebunden. Nun ist ja jeder Schauspieler auf der Bühne existentiell auf seine Kollegen angewiesen, auf seine Mitspieler. Sie können sich aber Ihre Mitspieler nicht aussuchen, und ich kann mir vorstellen, daß das nicht immer einfach ist. Haben Sie einen Weg gefunden, mit dieser Problematik umzugehen (sicher haben Sie das!), und wie sieht der aus? Boysen: Ich habe da keine Schwierigkeit. Ich glaube, die Münchener Kammerspiele, an denen ich engagiert bin, sind eines der wenigen Theater, an denen es noch ein echtes Ensemble gibt, in dem sich die Mitarbeiter seit vielen Jahren kennen. Manche machen dies den Kammerspielen zum Vorwurf, sagen, das Ensemble hätte jetzt Staub angesetzt, aber das muß man einfach durchstehen, irgend-wann wird denen das dann von selbst zu langweilig, das dauernd zu behaupten. Ich habe da überhaupt keine Schwierigkeiten; ich wüßte nicht einen Einzigen in den Kammerspielen, mit dem ich nicht spielen möchte. Und wenn man dann noch Holtzmann und mich als Beispiel nimmt- wir sind ja dauernd beieinander, wir sitzen auch noch in der Garderobe neben- einander, die Nähe geht schon fast ins Uferlose. Natürlich kennen wir uns schauspielerisch sehr gut, wir kennen uns auch körperlich sehr genau, wir wissen ja um jedes Augenzucken des Anderen; ich halte das für einen großen Vorteil. Allerdings ist das natürlich Teil des Berufes, also Schauspielerei. Wir sind uns im Grunde fremd, ich verkehre privat nicht mit einem Einzigen meiner Bühnen-kollegen. IT: Die Kammerspiele scheinen da tatsächlich eine Ausnahme zu sein. Häufig jedoch, wenn ich in ein Theater gehe, merke ich, daß die Schauspieler, die da gemeinsam auf der Bühne stehen, keine gemeinsame Arbeit tun: Jeder wurschtelt isoliert vor sich hin, sagt seinen Text zwischen die Augen des Anderen und wartet auf sein Stichwort, um weiterreden zu dürfen. Aber das, was Theater überhaupt erst zu etwas Lebendigem macht, nämlich der Fluß von Energie auf der Bühne, geschieht überhaupt nicht. Boysen: Sie haben Recht. Es hat hier aber zwei positive Gegenströmungen gegeben: Auf der einen Seite wirklich langjähriges Ensembletheater wie die Münchener Kammerspiele, auf der anderen Seite eine Bildung von freien Gruppen, so zum Beispiel die um Ariane Mnouchkine oder um Peter Brook. Dort ist ein Kern entstanden, der geblieben ist, und so haben diese Gruppen unglaubliche Dinge vollbracht. Diese Gruppen sind von morgens bis abends zusammen, bei Ariane Mnouchkine haben sie ja sogar gemeinsame Mittagstafel gehabt. Diese Erfahrung habe ich nie gemacht, kann sie daher auch nicht bewerten. Ich weiß nicht, ob das mir persönlich Freude machen würde. Mir ist das zu nah. Vielleicht, vielleicht ist diese Art zu arbeiten auch schon über den Gipfel hinweg. IT: Noch einmal kurz zurück zur Zusammenarbeit: Sie sind nun wirklich der herausragende Schauspieler des Ensembles, stehen aber ständig auch mit Kollegen auf der Bühne, die Ihnen schauspielerisch einfach nicht das Wasser reichen können. Abgründe tun sich auf. Als Zuschauer tut einem das manchmal weh, wenn durch Ihre Arbeit Welten entstehen, die kurz darauf durch einen Kollegen zwar sicherlich nicht zerstört, aber doch beeinträchtigt werden. Boysen: Ja, das gibt es. Es gibt Schauspieler bei uns, sogar recht erfolgreiche, die eine vollkommen andere Art haben, Theater zu spielen. Natürlich paßt es manchmal nicht zusammen, aber das muß man gelten lassen. Man kann ja nicht für sich in Anspruch nehmen, daß man es als einziger gefunden hat. Da kann man nichts machen. Natürlich paßt es manchmal nicht ganz gut zusammen, das kann schon sein, vielleicht auch für den Zuschauer. Ich habe da so einen Fall, wo ich mit jemandem zusammenspiele, der eine vollkommen andere Art hat als ich. Aber er ist äußerst erfolgreich, man merkt das am Schlußapplaus, äußerst erfolgreich. IT: Nun, das mit dem Schluß-applaus muß ja nicht viel heißen. Boysen: Natürlich nicht. Aber man darf auch seine Kräfte nicht vergeuden mit solche Dingen, sondern man muß für sich den Weg des grundsätzlichen Herangehens an die theatralische Arbeit suchen und finden. IT: In Ihrem Buch «Nachdenken über Theater» sprechen Sie immer wieder, und das war mir persönlich sehr wichtig, von den dunklen Seiten des Theaters. So sagen Sie: “Wir sind nicht die Spaßmacher des Zeitalters, wir sind nicht die moralische Instanz der Nation, wir sind nicht die Ratgeber der Ratlosen, wir sind selber ratlos, wir sind nicht die besseren Politiker, wir sind nicht die Besserwisser und nicht die Schulmeister unserer Mitmenschen. Wir sind blinde Wanderer auf den Trümmerfeldern der Hoffnungen und der Sehnsüchte. Und manchmal ertasten wir etwas, das seinen Glanz noch nicht verloren hat.“ Boysen: Wir wissen nichts, gar nichts. IT: Warum machen wir Theater, warum existiert Theater? Boysen: Sie könnten genausogut fragen: Warum existiert Kunst? Die Ursprünge liegen meines Erachtens im Erinnerten des Menschen. Fast jede Kunst, lassen wir die Filmkunst einmal beiseite, ist Darstellung des Gewesenen. Science Fiction auf dem Theater ist zum Kaputtlachen, das existiert nicht, das ist nur im Film möglich. Das Theater beschäftigt sich nur mit dem Gewesenen. Und das Gewesene hinterläßt etwas- ich nenne es das Erinnerte. Und daraus muß alles entstehen. Denn alle Menschen haben ja Erinnertes in sich. Auch der Dichter hat ja Erinnertes; er schreibt ja nicht Pamphlete. Wenn es nun gelingt, das eigene Erinnerte mit dem Erinnerten des Schriftstellers zu einer Einheit, zu einer Nähe zu bringen, dann muß es doch auch möglich sein, das Erinnerte des Zuschauers zu erreichen. Das Theatererlebnis ist ja nicht, wie Brecht meinte, ein Gemeinschaftserlebnis, sondern es ist ein Erlebnis Vieler zur gleichen Zeit. Jeder sitzt woanders, damit fängt es schon einmal an. Keiner hat, im Gegensatz zum Film, wo alle gemeinsam oben auf der Kamera draufsitzen, den gleichen Blickpunkt. Einer sitzt vorne, der andere hinten, einer rechts, der andere links, jeder hat einen anderen Blick- und Standpunkt. Manchmal sieht der Zuschauer nicht-einmal den, der spricht, weil vor ihm jemand sitzt, der ihm die Sicht nimmt- das alles gehört zum Theatererlebnis. Und nun hört dieser Zuschauer einen Satz, der ihn ganz tief trifft- aber nur ihn, seinen Nachbarn nicht, den trifft ein anderer Satz. Das meine ich, wenn ich sage, Theater ist ein Erlebnis Vieler zur gleichen Zeit. Den Zuschauern ist nichts als die Zeit des Abends gemein. Das ist auch der Grund, warum das Theater als Mittel zur politischen Meinungsbildung nichts taugt. Theater hat mit politischer Meinungsbildung nichts zu tun. Meiner Meinung nach lebt das Theater von der Schrift, es lebt von der Sprache, es lebt vom Rhythmus, seine Quellen sind das Gewesene, das Erinnerte, und, natürlich, gehört zum Theatererlebnis das Publikum. Ich halte das Theater für unzerstörbar; es kann einmal Tiefpunkte haben, im Moment scheint es eine solche Talfahrt zu geben, aber das sind Graben-kämpfe, die mit dem ursprünglichen Theater überhaupt nichts zu tun haben. Es gibt Leute, die das Theater nicht wahrhaben wollen, und die schlagen das Theater kurz und klein (das müssen sie dann auch tun), aber das wird nichts nützen. Das Theater wird stärker sein, davon bin ich überzeugt. IT: Theater und Angst sind sehr eng miteinander verbunden; wir treffen in unserer Arbeit ständig auf das Theater-schaffende Element Angst: Was hat Theater mit Angst zu tun? Boysen: Das hängt mit dem Tod zusammen, das ist ganz klar. Der Mensch weiß, daß sein Leben- Gott sei Dank!- begrenzt ist, und daraus entsteht Angst; nicht nur Angst vor dem Tod, sondern auch Angst, etwas nicht mehr erreichen zu können, weil vielleicht die Zeit nicht reicht... IT: In Ihrem Buch schreiben Sie: “Immer wieder werde ich versuchen, bei den Rollen, die ich spiele, einen dunklen Hintergrund erscheinen zu lassen. Ich kann Komödien keinen Gefallen abgewinnen, außer sie sind von Shakespeare. Und das sind eigentlich nur umgedrehte Tragödien.“ Und, etwas weiter unten: “Das Aufeinandertreffen von Menschen ist eigentlich traurig. Es ist nicht fröhlich. Es ist nicht komisch. Man kann schrecklich lachen, furchtbar kann man lachen. Und wenn man aufgehört hat zu lachen und darüber nachdenkt, dann ist es entsetzlich.“ Eine Abwendung vom Lach-haften. Boysen: Ja, das mag vielleicht ganz persönlich sein, ich gehe nie in Komödien. Mir ist das Lachen vergangen; das hängt aber auch mit diesen dunklen Seiten zusammen, von denen Sie eingangs gesprochen haben. IT: Aber das Lachen selbst ist Ihnen doch nicht ganz vergangen? Boysen: Nein, nicht ganz. Aber dieses Bedürfnis, sich ständig amüsiert auf die Schenkel zu schlagen, ist mir schon sehr fremd. IT: Man spürt, in so gut wie all’ Ihren Rollen, Ironie- die den Zuschauer vielleicht nicht unbedingt zum Laut-Heraus-lachen bringt, aber ein, sagen wir, lautes Lächeln entlocken Sie dem Publikum doch immer wieder... Boysen: Ja- doch Ironie entsteht immer nur durch Distanz. Wenn ich keine Distanz zu einer Sache habe, kann ich sie nicht ironisch betrachten- wobei man sehr genau aufpassen muß, Ironie nicht mit Spott oder Zynismus zu verwechseln. Die Distanz zur Figur ist für mich etwas sehr Wichtiges, und was Sie vorhin als Ironie be- zeichneten, ist für mich die distanzierte Betrachtung der Figur. IT: Wenn man Sie auf der Bühne sieht, hat man den Eindruck einer enormen Kraft, die von Ihnen ausgeht, von einer schier unerschöpflichen Energie, die Ihre Figuren ernährt und vorantreibt... Boysen: Wissen Sie, das ist wie beim Laserstrahl. Diese Kraft, von der Sie sprechen, ist keine persönliche Kraft, sondern es ist vielleicht so zu erklären: Wenn es gelingt, die Bündelung der Figur zu erreichen, dann wird sie zu so etwas Energiegeladenem wie es ein Laserstrahl ist. IT: Ich verstehe. Aber ein Laserstrahl existiert ja nur, wenn an seinem Anfang eine hoch energieaufladende, geheimnis-volle Maschine steht, die ihn aussendet. Boysen (lacht): Ja, das mag wohl sein- allerdings kenne ich mich in der Physik nicht gut genug aus, Ihnen dieses Geheimnis verraten zu können. IT: Seit ich bewußt mit dem Theater zu tun habe, wird von einer “Krise des Theaters“ gesprochen. Gibt es diese Krise, und wenn ja, worin besteht sie? Boysen: Also da muß ich zuerst einmal folgendes dazu sagen: Als ich 1946 anfing mit dem Theater- 1946!, da sagte in alter Kollege zu mir: “Das Theater ist tot“. Das war etwas vom ersten, was ich im Theater hörte. Ich gebe zu, daß es mich nicht sonderlich beeindruckt hat, denn ich hatte 6 Jahre Krieg hinter mir, stolperte in dieses erste Engagement hinein und hatte gar keinen Überblick, wußte kaum, was Theater überhaupt ist. “Das Theater ist tot“. 1946 hat das mein alter Kollege gesagt, und seitdem höre ich diesen Satz immer und immer wieder. Aber komischerweise stehen sie immer noch, die Theater. Nun, man kann hier sicher von Ort zu Ort verschiedene Krisen und Krisenherde ausmachen- die Münchener Kammerspiele sind diesbezüglich sicher ein Glücks-fall- aber wenn man die Krise des Theaters wirklich suchen will, findet man sie wahrscheinlich in einem Punkt: Im Geldmangel. Es gibt sicherlich verschiedenste Ansätze und Versuche, diese Krise zu überwinden- Theater werden zusammengelegt, sie fusionieren, aber es läuft so gut wie immer darauf hinaus, daß schließlich eine Sparte eingespart wird. IT: Vielleicht hätte man es nicht Spartentheater nennen sollen... Boysen: Ja, vielleicht... IT: Die wirkliche Krise des Theaters ist also das Geld... Boysen: ... Nein, so darf man das nicht herunterspielen, das wäre allzu einfach. Nein, es gibt schon künstlerische Krisen auch heutzutage. IT: Gehen Sie noch häufig ins Theater? Das ist ja eine für aktive Schauspieler schwierige Zerstreuung. Boysen: Nein, nicht mehr so häufig. Ich muß jetzt zwar einiges nachholen, so vieles habe ich nicht gesehen... Aber ich gehe viel lieber in Musikveranstaltungen (lacht). IT: Haben Sie in letzter Zeit gutes Theater gesehen, Aufführungen, nach denen Sie bereichert aus dem Theater gekommen sind? Boysen: Lange Zeit habe ich nichts bereicherndes mehr gesehen. Oper, ja, Oper habe ich Gutes gesehen. Aber Schauspiel... Ich glaube, es ist schon etliche Jahre her, daß ich etwas gesehen habe, was mich verblüfft hat. Das letzte, was mich sehr beeindruckt hat, war Der Sturm, den Peter Brook inszeniert hatte. IT: Gibt es also auch eine handwerklich-qualitative Krise im Theater? Boysen: In meinen Augen, ja. Man hört immer wieder von Zuschauern: “Warum verstehe ich Sie, und warum verstehe ich die Jungen nicht? Lernen die denn nicht sprechen?“ Ich glaube nicht, daß diese Frage etwas mit der Phonetik zu tun hat. Vielmehr scheint es mir hier um Sprach-Behandlung zu gehen, um das Wichtignehmen der Sprache. Ich bin ein Gegner der sogenannten Natürlichkeit auf der Bühne, weil sie eine Lüge ist. Das, was man für Natürlichkeit auf der Bühne hält, ist ja schon längst kein Natürlichkeit mehr, weil es gemachte Natürlichkeit ist- und das wird dann ganz schrecklich, stimmt hinten und vorne nicht. IT: Einer der größten Könner unter den Regisseuren dieses Jahrhunderts war Lietzau; seine letzten Inszenierungen hier in München bleiben unvergeßlich, und ich habe das Gefühl, daß so vielen heutigen Theaterregisseuren vor allem das große Können- auch im handwerklichen Sinn- eines Lietzau abgeht. Boysen: Ja. Zu Lietzau kann man viel sagen. Ich habe mit ihm schon in Hamburg zusammengearbeitet, als er dort 1970 eine große Inszenierung von Indianer (Arthur Kopit) gemacht hat, mit großer Bühne, vielen Menschen, mit gutem Ensemble. Ich kenne auch Dorn schon lange, aus den siebziger Jahren, habe mit ihm die Jagdgesellschaft von Thomas Bernhard gemacht- also ein kleines Stück. Seltsamerweise ist Lietzau, je älter er wurde, immer furchtsamer geworden, überhaupt einen Menschen auf der Bühne zu bewegen. Er hatte so viele Skrupel, oder sagen wir besser: so viel Ehrfurcht, daß eine Art höchst eindrucksvoller Erstarrung eintritt. Erinnern Sie sich an John Gabriel Borkmann- es bewegte sich kaum jemand in diesem Stück. IT: Eine der eindrucksvollsten Inszenierungen... Boysen: Ja. Und auf der anderen Seite Dieter Dorn: Je älter er wird, umso offener wird seine Art, Regie zu führen. Er läßt auch vieles offen. Denken Sie an König Lear: Das ist eine ganz und gar offene Inszenierung. IT: Noch eine letzte Frage, die mit Theater nur am Rande etwas zu tun hat: Was ist Fernsehen für Sie? Boysen: Als Phänomen, oder als Beruf? IT: Beides. Boysen: Als Phänomen finde ich Fernsehen grauenhaft. Und als Beruf uninteressant. Es ist für mich vollkommen uninteressant geworden; ich habe mit dem Medium nichts zu tun. Die Zeiten der großen Fernsehspiele ist ja vorbei. Ich habe in den 60er Jahren sehr viel Fernsehen gemacht, mit den Großen der damaligen Fernsehregie. Erst kürzlich habe ich noch eine kürzere Fernseh-Erfahrung gemacht, es waren fünf Tage, aber nein, das ist furchtbar, ich habe damit nichts zu tun. Ich will damit natürlich überhaupt nichts gegen Kollegen sagen, die sich bewußt dazu entschließen, das zu tun, das ist ihre Sache, und vielleicht sind sie ja auch gut. Aber ich glaube, man kann nie sehr gut sein im Fernsehen. IT: Sehen Sie selbst fern? Boysen: Nein, ich sehe überhaupt nicht fern. IT: ... und Fernsehen als Phänomen? Boysen: Als Phänomen ist für mich das Fernsehen... ...grauenhaft. Ich halte das Fernsehen für etwas ganz, ganz Schreckliches. Es macht uns im Laufe der Zeit zu Analphabeten, zu kulturellen Analphabeten. Furchtbar! Furchtbar. Ich finde das Fernsehen etwas ganz Schlimmes. Denken Sie an den Torso vom Belvedere, und an die wunderbare Geschichte, wie der fast schon blinde Michelangelo diesen Torso abtastet, um ihn in sich aufzunehmen, um ihn in seine Sensibilität zu bekommen. Das nenne ich Kultur. Wenn ich dann diese grauenhaften Dinge sehe im Fernsehen, das ist doch alles ganz schrecklich. Egal, ob es sich um Serien handelt oder um Talk-Shows, das ist ja alles zum Haare ausreißen! Furchtbar! Es gibt so viel Wichtigeres: Literatur, Musik, eine Reise in die Schweiz... IT: Herr Boysen, ich danke Ihnen von Herzen für dieses Gespräch! Boysen: Es war mir ein Vergnügen. IT: Ganz meinerseits! ![]() ![]() ![]() |
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