Schliesst die Theater!


Von verriegelten Theatern, verrammelten Kirchen und der letzten Konsequenz

Theater existiert nicht

Es ist nicht lange her, da ging durch eine schöne Stadt ein junger Mann. Er wandelte über die schöne Holzbrücke, die den schönen Fluß schräg überquert, und kam so, wie von selbst, am schönen großen Theater vorbei.

Er dachte bei sich: Trittst ein, nimmst Dir ein Programm, wirfst einen Blick ins Foyer und, wenn gerade keine Proben sind, auch einen in den Theatersaal selbst. Er war neugierig und von einer eigenartigen Unruhe erfaßt, als er die große gläserne Tür aufstoßen wollte. Doch- verschlossen.

Sicher, dachte er bei sich, sicher sind gerade Proben, oder die Techniker wollen ungestört das Bühnenbild auf den Boden nageln, und es ginge ja auch nicht an, wenn jeder...

Trotzdem ein wenig enttäuscht ging er weiter, und so kam er bei seinem ziellosen Wandeln an einer schönen Kirche vorbei. Er dachte bei sich: Trittst ein, wirfst einen Blick auf den Altar, schaust Dir, wenn gerade kein Gottesdienst ist, Bilder von gemarterten Heiligen an, wenn es welche gibt, setzt Dich vielleicht für einen Moment auf eine Bank und denkst... Er war froh über die Aussicht, sich einen Moment auszuruhen von den Widernissen des Lebens und der Welt und nachzusehen, ob Gott irgendwo... Doch- verschlossen.
Mit einem hohlen, mit Metall vermischten Ton antwortete die große Holztür auf seine wiederholten Versuche, sie mit der Wucht seines Leibes aufzustoßen.
Umsonst.

Sicher, dachte er bei sich, sicher muß auch einmal saubergemacht werden in der Kirche, sicher muß der Pfarrer seine Auftritte auch irgendwann einmal ungestört auf dem richtigen Altar proben, auch könnten die Kunstwerke gestohlen werden, und es ginge ja auch nicht an, wenn jeder...
Mit hängenden Schultern ging er weiter. Es hatte begonnen, leicht zu regnen, und obwohl er die nasse Kühle im Gesicht genoß, spürte er doch, wie das Wasser langsam in seine ungeeigneten Schuhe drang und die Füße bis zu einem Punkt abkühl-te, der seiner Gesundheit nicht mehr förderlich war.


Er ging noch lange weiter, kam an Uhrengeschäften natürlich, an Zeitungskios-ken, an Männern mit Hut und Frauen mit hohen und Frauen mit niedrigen Absätzen vorbei.
Denselben Fluß auf einer anderen Brücke überquert, und irgendwann, als seine Finger kaum mehr spürbar waren, tauchte er mit einer scharfen Rechtskurve in ein Cafè ab.
Bestellte einen steifen Tee, bat die hübsche Kellnerin, die hier Serviertochter hieß, um Papier und Stift, und schrieb, um seine Finger zu wärmen, folgendes:

Theater existiert nicht

Wenn ein Mensch nicht lebt, ist er kein Mensch, sondern eine Leiche.
Wenn ein Schriftsteller nicht schreibt, ist er kein Schriftsteller.
Wenn ein Auto nicht fährt, ist es kein Auto. Auto kommt von Automobil und heißt selbstbewegend. Bewegt es sich nicht selbst, ist es kein Automobil, sondern ein Haufen Schrott in Form.
Wenn ein Kind nicht schreit und wächst und in die Hosen scheißt, ist es kein Kind.
Wenn ein Rechner nicht rechnet, ist er kein Rechner.
Wenn Griechen nicht griechen
Wenn Frau und Mann sich nicht paaren, sind sie kein Paar.
Wenn Achseln nicht zucken und Boxer nicht boxen und Politiker nicht faseln und Arme nicht hungern und Angsthasen keine Angst hasen und Drucker nicht drucken und Wilderer nicht wildern und Lappen nicht wischen, dann sind sie weder Achseln noch Boxer, nicht Politiker noch Arme, weder Angsthasen noch Drucker, keine Wilderer, Lappen oder sonstwas.

Wenn eine Kirche ihre Türen verschlossen hält, ist sie keine Kirche.
Die Menschen sollen zum Gottesdienst kommen! Rufen sie von den Kanzeln in leere Haupt- und Seitenschiffe.

Frage an Gott

Wenn die Menschen das aber nicht möchten, wenn sie nicht können, wenn sie eben gerade jetzt in die Kirche möchten und müssen, weil es eben gerade jetzt wichtig ist, weil sie gerade jetzt eine Frage haben an Gott oder zweifeln, doch sie treffen die Kirche verrammelt vor?
Dann ist die Kirche nicht Kirche, sondern hohler Berg aus Stein.

Und wenn ein Theater seine Türen verschlossen hält, so ist es kein Theater, sondern weniger als Nichts. Theater ohne Publikum gibt es nicht, aber durch welche Tür soll das Publikum kommen, wenn sie geschlossen ist.
Ach ja, es soll ja erst am Abend kommen. Zur Vorstellung. Nach der Arbeit und dem Abendessen und vor dem Zubettgehen.
Ausnahmsweise anstatt fernsehen.

Schön viel Geld

Vierzigmillionen Franken pro Jahr oder Mark für zwei Stunden pro Tag und auch nicht jeden. Über hundert Mitarbeiter das ganze Jahr über für zwei Stunden Unterhaltung.

Aber Kunst braucht doch Zeit, wir brauchen den ganzen Tag und das ganze schöne viele Geld, um die Kunst in Ruhe und mit Zeit und ungestört von Menschen vorbereiten zu können für die Menschen am Abend.
Sicher. Verständlich.
Sehr gut gesagt.
Aber bitteschön: Was Sie da am Abend zeigen, hat doch mit Kunst soviel zu tun wie Fernsehen mit Kultur! Das ist doch nichts als mehr oder weniger mittelmäßige Unterhaltung, die die Menschen aufnehmen ohne zu murren, weil sie die Jahre über an den Fraß gewöhnt worden sind und sie, da sich das Ganze in einem Theater abspielt, meinen, das wäre Kultur.
Nur wo Nutella draufsteht ist auch Nutella drin.
Aber nicht überall, wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin.

Vorspiegelung falscher
Tatsachen

Die Menschen machen sich vor, und die Theaterlobby, die Intendanten, Dramaturgen, Kritiker und das theatralische Fußvolk macht es sie aus Eigennutz glauben, daß sie, nur weil sie ins Theater gehen, auch Theater sehen. Und da sie Theater mit Kunst gleichsetzen, machen sie sich selbst glauben, sie wohnten einem künstlerischen Ereignis bei, obwohl es nichts ist als mittlerstes Mittelmaß, schlimmer als schlecht.

Daß ich nicht lache!

Theaterangestellte sprechen von dem Erbe der abendländischen Kultur,  das es zu bewahren gilt. Daß ich nicht lache! Erbschaften gehören in die Bücher der Nachlaßverwalter, und Theater exisitiert nicht, solange ich es nicht neu erfinde.
Sie sprechen von der Entwicklung des Theaters durch die Jahrhunderte hindurch, von der Notwendigkeit seiner Konservierung, und auf das ungläubige Stirnruzeln des Gegenübers haben sie schnell ein paar große Namen parat, die sie so gerne täglich als Fliegenklatsche verwenden: Brecht! Ist die Fliege zerdrückt, Shakespeare! sind sieben auf einen Streich dahin, Büchner! ist eine andere tot und Ibsen! ist die letzte zermanscht.
Schlagkräftige Argumente, die nichts sind als Nägel, die bequemen Sessel an ihrer Stelle zu halten, die Mensch, Stadt, Kanton, Land und Staat Millionen und Millionen sauer verdienter Gelder kosten.

Muß Theater sein?
Nein!

Aber Theater muß sein! Schreit der Deutsche Bühnenverband auf und klebt es sich selbst auf die Heckscheiben der Autos und auf die Tabletts der Theaterkantinen.
Schließt die Theater zur Gänze! Rufen wir ihm entgegen und geben die entsprechenden Aufkleber rotschwarz mit gelb beim Grafiker in Auftrag.
Bist Du verrückt geworden? rufen Kollegen und Freunde mir zu.
Vielleicht. Doch sind sie nicht längst schon geschlossen, die geldsaugenden Saurier, die hehren Paläste mit verrammelten Toren, in denen abends die Alten ihre teure Sehnsucht pflegen nach früheren besseren Zeiten?

Die Menschen kommen zu uns, die Auslastung unseres Hauses liegt bei 72 Prozent!
Na super. 72 Prozent in 2 Stunden sind 12 Prozent in 12 Stunden, sind leeres Theater, viel Lärm um nichts.


Endlich die Türen auf!

Aber wir können doch nicht für zwölf Stunden am Tag Vorstellungen produzieren!
Das stimmt. Aber man könnte die Türen aufmachen. Man könnte ein Cafè im Foyer einrichten, in dem Schauspieler oder auch -schüler zu jeder vollen Stunde eine Geschichte vorlesen.
Man könnte kleine Konzerte geben im Foyer und Gespräche veranstalten über Theater und Kunst und Kultur und das Leben und...
Man könnte Ausschnitte aus Proben zeigen und Theater von Jungen Leuten für Junge Leute. Kritiker könnten sprechen über die Aufführung am Vorabend, jeweils um Zwei.
Man könnte Internet installieren in einer Ecke und Tips geben für interessante Seiten, man könnte Lesungen machen von Gedichten und Singen der Schüler des Konservatoriums: Täglich um Eins. Man könnte Vorträge halten und einen Raum einrichten, in dem jeder sagt, was er will, und wer will, geht hin und hört zu.
Nicht jammern über Videospiele und Drogen, die die Jugend verderben, sondern auf! die Theater und richtige Spiele geboten und Workshops und Stücke, die die Jungen wirklich interessieren.

Und die Menschen, junge wie alte, wüßten, hier können sie immer vorbeikommen, in der Pause zu Mittag, frühmorgens auf ein Gedicht, auf eine Frage zu Schiller, dann freuten sie sich schon auf die Vorstellung am Abend.

Das Theater ist tot
(oder fließt Blut?)

Aber: man müßte gutes Theater machen am Abend, hohes Theater, Theater, das fesselt, das manchmal schmerzt, Theater, das packt und nicht mehr losläßt, Theater, das neu ist jeden Tag, frisch wie das täglich Brot und knusprig. Theater, das endlich Nahrung ist den Hungernden, nicht feuchtlappige Hostie in verrammelter Kirche.
Aber das kostet mehr, noch viel mehr! schreien sie auf in den Palästen. Wer weiß, so sicher bin ich da nicht. Aber selbst wenn: Erst wenn das Theater wirklicher Bestandteil des täglichen Lebens wäre und nicht mittelmäßiger demokratischer Luxusartikel für siebzehn hoch drei, wäre der Aufwand gelohnt.

Sonst: Schließt sie zu die Theater! Versucht’s, zur Probe: An die gläserne Tür ein bescheidenes Schild: Theater für immer geschlossen. Und dann verhaltet Euch ruhig. Kein Schauspieler, kein Dramaturg, kein Kritiker, nicht ein einziger Theatermensch darf ein Wort sagen, nicht einer darf meckern oder wollen oder schimpfen wie sonst.
Dann lauschen wir- nur wenn man selbst ganz leise ist, kann man hören, was vorgeht draußen:
Wird das Publikum kommen, werden Megaphone krächzen, werden Wasserwerfer in Stellung gebracht und Rädelsführer gewählt? Geht jemand auf die Barrikaden? Werden wilde Fahnen geschwenkt, wird ein Rammbock gebaut, stürzen Autos um und halten Busse an, legen Streiks das Land lahm und werden die Theater schließlich gestürmt? Splittern plötzlich die Glastüren, rennen die Menschen hinein in den Saal, besetzen die Plätze (die guten wie schlechten), beginnen zu rufen, zu klatschen, den Beginn der Vorstellung zu fordern?
Tönt laut der hungrige Sprechchor: The-a-ter muß sein!, fließt also Blut?

Oder bleibt alles ruhig? Bleiben die Menschen einfach daheim vor der Glotze, kaufen ein, arbeiten und leihen sich dann ein Video, gehen ein paar zu einem Event?
Schreiben vielleicht zwei von ihnen, Deutsch- und Lateinlehrer, erbitterte Briefe an die örtliche Zeitung zum Untergang unserer Kultur, der Rest ist froh, daß er nicht mehr so tun muß, als hätte er etwas verstanden?
Und sind die Einzigen, die meckern und schreien und zetern, wie immer die Mittelmäßigen vom Theater, weil man ihnen das Spielzeug nimmt und vor allem das tägliche Brot?

Doch es gibt viele schöne Berufe, die Erfüllung bringen und Freude: Raus aus dem Palast, dem miefigen, und ihn in ein Kaufhaus verwandelt mit Videoabteilung. Und einfach Kindergärtner geworden und Hexe gespielt oder Manager von Events, Politiker auch oder Flugzeugmechaniker und: Schwerter zu Pflugscharen!- Schimpfender Dramaturg wird Krankenschwester, die den weinenden Greisen Geschichten erzählt.

Endlich für immer
geschlossen

Man schließt sie für immer, denkt nicht daran, sie wieder zu öffnen. Ruhe, wohltuende Stille, nur übertönt von Fernsehen und Kino und Show, von Pornos und Autos und Banken, die werbend den Menschen sagen, was gut ist, was schlecht.
Es blühen die Kaufhäuser, die seit jeher geschlossenen Kirchen verfallen. Doch plötzlich, irgendwann, wenn man es nicht mehr erwartet und die Krankenschwester selbst zur weinenden Greisin geworden, wird es vielleicht wieder keimen, das wirkliche Theater, das Theater, das aus den Menschen für die Menschen entspringt wie Gras, das sich durch die Spalten der Steinplatten zwängt zum Licht. Kleines Theater zunächst, bescheiden, doch leise und laut und tragisch und komisch und an vielen Ecken und Enden.
Keine unbeweglichen Wasserköpfe, die, aufgedunsen von Geld und Verwaltung und Stein, achtunddreißig Millionen aufsaugen für Faust eins, zwei und drei, sondern Spieler, die spielen um ihr Leben und um das Leben der Zuschauer, Spieler, die nach Geschichten suchen und fündig werden hier, heute und jetzt.

Da- plötzlich taucht Shakespeare wieder auf und Beckett und Brecht,
schlank, neu und echt, weil lebendig.
Und irgendwo, irgendwann, entsteht sie wieder, die wirkliche, die hohe Kunst des Theaters, die etwas erzittern läßt im Innern der Menschen. Die dem Hungernden Nahrung ist und dem Dürstenden Lab und die existiert, weil sie muß, nicht, weil irgendjemand zeternd es will.

Serviertochter

Sein Bauch knurrte. Er legte den Stift beiseite, faltete das beidseitig engbeschriebene Blatt, steckte es in die linke hintere Hosentasche und nahm aus der Tasche seiner Jacke das Portemonnaie.
Seine Augen begegneten denen der schönen Kellnerin, die Serviertochter zu nennen er sich immer noch sträubte. Sie trat heran, er gab ihr Stift, Geld und Trinkgeld. Sie bedankte sich freundlich, ging aber nicht weg. Blieb stehen an seinem Tisch, blickte ihn an. Er lächelte irritiert, stand auf, faßte seine Jacke und wand sich an blauen Augen vorbei nach draußen.
Es war dunkel geworden, noch kälter, und nieselte. Er ging nach rechts, die Kühle tat gut im heißen Gesicht. Ging durch Straßen und Gassen, wenige Menschen, farblos geworden, eilten nach Hause.
Ohne Ziel ging er und ging, hungrig, und irgendwann kam er an eine Brücke aus Holz. Blieb stehen, senkrecht den schwarzen Fluß zu schauen.
Er stand lang so. Da, von selbst ging seine linke Hand zur Hintern Hosentasche und zog das Blatt heraus. Zwei warme Hände falteten es geschickt und schnell zu einem kleinen Segelboot, das, wenn es etwas größer gewesen wäre, auch ein Malerhut hätte sein können. Verrammelte Kirche stand auf dem Bug, achtunddreißig Millionen auf dem rechten Segel und Stein.
Losließen die Finger.
Lautlos schwebte das Schiff hinab auf das Wasser, tick kam es auf und fuhr dann lustig die kleinen Wellen hinab stromabwärts gen Norden. Der junge Mann blickte hinunter und folgte dem tanzenden Böötlein, bis es die Dunkelheit schluckte.
Er stand noch ein bißchen, dann begann er zu frösteln. Ging weiter, ohne Ziel, doch dafür hungrig.



Datum 23.09.99
Autor Markus Zohner
Erschienen in INDEPENDENT THEATRE IV/99
Original PDF Gesamtausgabe INDEPENDENT THEATER IV/99 PDF
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