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Tallinn, Kulturhauptstadt EuropasBlühendes Kulturleben am finnischen Meerbusen |
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Die Compagnie kehrt aus Finnland und Estland zurück.Tallinn, die Hauptstadt der immer noch jungen Republik Estland, mausert sich zu einer Kulturmetropole. Das Theaterleben blüht, immer neue Ensembles entstehen, und das Publikum hat eine vielfältige kulturelle Auswahl wie nie zuvor. Von den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ist Estland das Land mit der stärksten Anbindung an Westeuropa. Seine Nähe und Völkerverwandschaft zu Finnland und der damit verbundene Austausch auf allen Ebenen führt zu einer rasanten Entwicklung dieses kleinen Staates, der noch vor zehn Jahren ein Randdasein im riesigen Sowjetreich fristete.Die Markus Zohner Theater Compagnie aus Lugano ist seit Jahren zu Gast an Theatern und Festivals im Baltikum. Soeben kehrt sie aus Finnland und Estland zurück, wo sie mit ihrer neuesten Produktion ODYSSEE den GRAND PRIX des Internationalen Theaterfestivals BANAANIKALA in Tallinn gewonnen hat. Man hält die verfilzte Kulturwüste Lugano nur aus, wenn man so viel wie möglich verreist.Im Herbst in den Norden! Dort ist es schon dunkel um drei und wird erst hell gegen zehn, dort peitscht der Wind der Ostsee die trüben Gedanken an desinteressierte tessiner Kulturpolitiker, unmotivierte luganeser Theaterverantwortliche und gedankenlose heimische Theaterverwalter aus dem Hirn.Nach Helsinki zuerst, diese Jugendstilstadt, nicht verzärtelt wie Wien, nicht prächtig wie Stockholm, sondern übersichtlich, beständig und klar: Die Esplanade, wichtigste Einkaufsmeile, die vom Schwedischen Theater hinunter zum Hafen führt, hat vor ein paar Jahren Fussbodenheizung bekommen: eisfreie Bürgersteige auch im tiefsten Winter. Der Meerlachs hier am Markt ist wohl der beste der Welt: In der hohen Ostsee gewandert und frei gewachsen, am besten roh mit etwas Dill und Salzkartoffeln verzehrt, zergeht er auf der Zunge. Entspannendes Schweigen Die Finnen wortlos. Der Mann, der Freunde im Landhaus am See besucht, den Abend mit ihnen verbringt, man sitzt zusammen, isst, trinkt, man geht in die Sauna natürlich. Dann verabschiedet er sich. Das Abschiedswort das erste Wort des Abends.Diese Sprach-Losigkeit tut auch sehr gut, entspannt. Der Inflation der Worte in Zentraleuropa, dieses riesigen Wortschaumes, der immer schlimmer wird, je weiter man nach Süden kommt und der, aufgequirlt durch Fernsehen, Radio und Printmedien, sich über das ganze tägliche Leben ergiesst und durch die Gehirne wälzt, wird man sich hier durch seine Abwesenheit bewusst.Muss wirklich immer etwas gesagt werden? Stummes Publikum Helsingin Sanomat, grösste und einflussreichste Zeitung Finnlands, bringt auf der ersten Seite nichts als Werbung. Riesige ganzseitige Anzeigen zum Sonderangebot im Supermarkt: Das Kilo Rentierfleisch heute um die Hälfte billiger! Wenige werbende Worte auf Seite eins. Bush bekämpft die Taliban erst auf Seite zwei.Die Vorstellung hier im 700 Zuschauer fassenden Savoy Teatteri vor stummem Publikum. Keine Reaktion. Man spürt die Anwesenheit vieler Menschen, man spürt auch ihre Teilnahme, ihre Aktivität im Folgen des Stückes. Man glaubt sogar, das Vergnügen wahrzunehmen, das HA!HAmlet ihnen bereitet, die Menschen folgen gebannt. Kaum Reaktion. Doch da geschieht etwas innerlich, ein wortloses Leuchten, in ganz anderen Dimensionen und in der Seele an ganz anderen Orten als in der Schweiz, in Italien oder Frankreich. Schwer einzuschätzen von der Bühne aus. Erst der tosende Applaus und schliesslich die phantastischen Zeitungskritiken am nächsten Morgen geben letzte Gewissheit. Trotz Europäischer Union und durch die eigene unnahbare Sprache zur Mehrsprachigkeit gezwungen, ein fremdes Land am Rande Europas. Weiter nach Estland! Nach Tallinn, der kleinen, hübschen Schwester Helsinkis, kommt man von hier in fünfeinhalb Stunden per Schiff, in zwei Stunden per SuperSeacat, einem ultraschnellen Wasserfahrzeug, oder, am coolsten, in achtzehn Minuten per Hubschrauber. Der hebt alle Stunden am Hafen Helsinkis ab und bringt einen für gutes Geld im Tiefflug über den finnischen Meerbusen hinweg direkt ins Zentrum Tallinns. Ein einmaliger Anblick: Die ummauerte Altstadt im niedrigen Anflug vom Meer her, die mittelalterlichen Gebäude und die Olaikirche aus dem dreizehnten Jahrhundert im Glanz der früh untergehende Sonne. Am Freitagabend gehört die Stadt der Jugend. Die Strassen, die Cafès, die Bars sind voll. Und die Theater? Das kulturelle Angebot ist etwa zehnmal so gross wie das tatsächliche Publikum. Überall finden Konzerte aller Art, Opern- und Theateraufführungen, Lesungen, Ausstellungseröffnungen statt, die Auswahl ist riesig. Die staatlichen und städtischen Häuser werden natürlich aus öffentlicher Hand finanziert; für vieles gibt es jedoch auch private und ausländische Kulturförderung: Das Vannalinnastudio, das Altstadttheater, wurde zum Beispiel unter der Leitung und mit dem Geld schwedischer Sponsoren aufwändig renoviert und präsentiert sich piekfein und mit neuester Technik- für unseren Auftritt ist sogar die kleine neue Sauna neben der Garderobe angeschaltet. Rasante Entwicklung Als wir das erste Mal in Tallinn gastierten, im Winter 1991 als erste westliche Theatergruppe gleich nach der Unabgängigkeit und auch damals im Anschluss an ein Gastspiel in Finnland, war es hier kalt in jeder Hinsicht. Russland hatte, da keine harte Währung gezahlt werden konnte, die Lieferung des Erdöls eingestellt, nirgendwo wurde geheizt. Auf der Strasse verkauften alte Frauen Eiskrem vom Tischlein weg, Kühltruhen überflüssig. Die Menschen sichtlich arm, schnell ging man von einem Ort zum anderen, versuchte, sich in Cafès mit warmen Getränken ein wenig aufzutauen. Das Vertrauen in Wirtschaft und Geld waren dahin, der Klempner akzeptierte, und das war fester Bestandteil der Abmachung, die einzige harte Währung: Wodkaflaschen oder Kaffeepakete. Eine trübe Zeit- und doch waren die Theater voll. Hunger nach Brot, Hunger nach Kultur. Die Kondensfahnen stiegen uns damals während des Spiels aus den Mündern, die Zuschauer im vollen Theater in Mäntel gehüllt, harrten aus, lachten, waren froh um diese neuen Theatersichten, -farben und -formen nach Jahrzenten der Isolation. Der Schlussapplaus wärmte Herzen und Hände. Fünf Jahre später dann Rückkehr, diesmal zu einem Meisterkurs an der Pädagogischen Hochschule Tallinns für angehende Schauspieler und Regisseure, die Kälte war schon weggetaut. Viele Bars und Cafès waren eröffnet worden, ein Kleintheater neben dem anderen war entstanden, sichtbares Nachtleben regte sich in dieser Stadt, die eine der schönsten und besterhaltendsten Altstädte Europas besitzt. Die Renovierung der in der Sowjetzeit verfallenen Häuser war in vollem Gange, überall wurde gemauert, verputzt, gestrichen. Vor allem durch die Nachbarschaft zur grossen, reichen Schwester Finnland ging und geht hier in Estland der Fortschritt so rasant, dass man glaubt, mit blossem Auge zuschauen zu können. Bei aller Schönheit darf man nicht vergessen, dass die so schmucke Altstadt nicht die ganze Stadt Tallinn ist- hinter den mittelalterlichen Stadtmauern stehen weiterhin die riesigen Wohnfabriken aus der Sowjetzeit- und dass Tallinn nicht ganz Estland ist. Und doch: Estland steht von den drei baltischen Republiken in der kulturellen Öffnung, in der wirtschaftlichen Entwicklung, vor allem durch seine prädestinierte Lage und durch die enge kulturelle und wirtschaftliche Bindung an das nur einen Katzensprung entfernte Finnland unangefochten an erster Stelle. Lebhafter Kulturaustausch Kulturaustausch findet ständig statt: Die Bigband der Estnischen Philharmonie spielt regelmässig in Helsinki, finnische Musiker gastieren in Estland. Estnische Theatergruppen sind zu Gast bei nordischen Theaterfestivals, und Gruppen aus dem Baltikum spielen bei Festivals in Estland. Seltsame Gesellen Ich hatte damals die Einladung zum Meisterkurs nach Estland akzeptiert, weil ich die Abschlussstudenten bei einer Aufführung in Daugaupils / Lettland gesehen hatte. Da gab es etwas ganz Besonderes, etwas, was ich bis dahin und auch seither nirgend wo anders gesehen und erlebt habe: Sind die Finnen schon ein schräges Volk, man kennt sie aus Filmen von Aki Kaurismäki, haben die Esten eine Art zusätzlichen ironischen Schwung: Diese neue Generation schien tatsächlich alles in theatralisches Spiel zu verwandeln, was ihr unter die Finger kam. Sie hatten eine hervorragende, auch auf dem Körper basierende Theaterausbildung genossen, und der dreiwöchige Workshop war eine reine Freude. Mit Haut und Haar stürzten sich die jungen Männer und Frauen ins Spiel, kreierten, entwickelten, was das Zeug hielt. Die Arbeit war ein grosses Vergnügen, und die auf den Kurs folgenden Improvations-Aufführungen in Tallinn und Tartu, der alten Universitätsstadt Estlands, waren ständig überfüllt. Nun sind wieder fünf Jahre vergangen, und Tallinn hat sich weiter verschönt. Die Häuser stehen prächtig renoviert eins neben dem anderen, nur hie und da sind noch Fenster zu reparieren oder Fugen auszubessern. Die Menschen sind wohlhabender geworden, die Kleidung hat sich verändert. Alle Grenzen sprengende Komik Die Abschlussstudenten von damals sind Schauspieler, Regisseure, Fernsehproduzenten geworden. Einer von ihnen, der geschäftstüchtige Kalle, der sich schon vor Jahren seine Ausbildung durch den Handel mit Schweizer Uhren verdient hatte, hat nach dem Studium eine freie Truppe gegründet: Action Group besteht aus seinen damaligen Klasskameraden und bietet heute Auftritte und Shows für jede Gelegenheit an: Feste, Hochzeiten, Messen. Das sichert den Schauspielern das Brot, und sie bleiben frei für das Theater, müssen keine anderen Jobs für Geld annehmen. Action Group hat, nach der Hochschule, verschiedene der von uns eingeführten Improvisationsübungen weiterentwickelt zu einer Fernsehshow. Ein eigenes Studio war für diese Truppe von anarchischen Energiebündeln gebaut worden, und ganz Estland verfolgte über mehrere Jahre hinweg laut lachend den schrägen Spielwitz und die alle bis dato üblichen Grenzen sprengende Komik.Heute sind sie bekannt, und zu ihren Aufführungen, in welcher Formation auch immer, strömt das Publikum. Das freie Theater scheint hier noch freier zu sein als bei uns: Tanel hatte bei einem Festival in Schweden ein Theaterstück für Jugendliche gesehen, das ihm gefallen hat: The Stones, geschrieben und weltweit gespielt von den beiden Australiern Tom Lycos und Stefo Nantsou. Tanel hat die beiden um die Rechte gebeten, ist zurück nach Tallinn gefahren, hat das Stück übersetzen lassen, und dann mit einem Partner auf die Bühne gebracht. Herausgekommen ist eine der schönsten und energiereichsten Aufführungen, die zur Zeit in Tallinn zu sehen sind. Sie erzählt von zwei Freunden, die aus Langeweile, und wie es dann so kommt, zuerst kleine, dann ein wenig grössere Steine von einer Autobahnbrücke fallen lassen...Moderne Autoren sind auch hier nun längst entdeckt, und vor allem auch die jungen Schauspieler tun sich zusammen, gründen provisorische Ensembles, und bringen ohne den Umweg über Produzenten Stücke heraus, die sie interessieren. Frei von Geld Da werden Regisseure aus Schweden angefragt, weil eine ihrer Inszenierungen bei einem der vielen nordischen Theaterfestivals gefallen hat. Mit Freude sagen sie zu, nicht weil sie Geld verdienen können hier, sondern weil alles zur Verfügung steht, was das Theater braucht: Spielhungrige, intelligente Schauspieler und Publikum.Der alte Kalauer, das freie Theater sei vor allem frei von Geld, stimmt hier wirklich, im besten Sinn. Das Geld kommt schon irgendwie, aber es bestimmt nicht. Nicht wie bei uns wird eine Produktion erst gemacht, wenn (und oft auch: weil) deren Finanzierung gesichert ist. Sondern man hat einen Impuls, tut sich zusammen, spricht mit einem Direktor der vielen Theater, schaut, dass alles irgendwie möglich wird, und fängt an zu arbeiten. Lebendigstes, schnelles, jetziges Theater entsteht, ohne viel Aufwand, ohne lange Vorbereitungszeiten, voller Ideen und Lösungen, die nicht auf Geld, sondern auf Reichtum beruhen. Der Abschied fällt schwer, neue Pläne werden geschmiedet. Tallinn ist näher als man denkt. In 18 Minuten ist man zurück in Westeuropa, bestellt rohen Lachs, und schon schweifen die Gedanken wieder zurück zu diesem jungen Land am anderen Ufer, von dessen Aufbruch, Blüte und Frische die gesetzte, verwöhnte Kulturszene Zentraleuropas nur träumen kann. ![]() ![]() ![]() |
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