"White Cherry Cechov" im Kleintheater Luzern


6 Schauspieler, 6 Sprachen, 6 Quadratmeter

Ein Geheimtipp

Luzern (sda)
Sie hat Preise an Festivals von Teheran bis Tallinn
gewonnen, doch hierzulande ist sie ein Geheimtipp: Die Tessiner
Markus Zohner Theater Compagnie. Am Donnerstag hatte sie wieder mit
einer erstaunlichen Produktion im Kleintheater Luzern Premiere.

"White Cherry Cechov" nennt die Truppe ihre Version von Anton
Tschechows "Kirschgarten". Reduktion prägt nicht nur den Titel.
Das Personal der traurigen "Komödie" wurde auf sechs reduziert. Die
Spielfläche misst nur sechs Quadratmeter. Bühnenbild, Requisiten
und Farben fehlen. Alle tragen identische weisse Anzüge.

Auf der anderen Seite Vervielfältigung: Die Muttersprachen der
Schauspieler sind Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch,
Russisch, Serbokroatisch - und alle wechseln und tauschen unentwegt
Sprache und Rolle. Da schwebt das Verständnis in höchster Gefahr.

Abschied von allem

Zu verstehen gäb es einiges: Die Gutsbesitzerin Ljubow
Andrejewna Ranjewskaja kehrt mit ihrer 17-jährigen Tochter aus
Paris zurück, wo sie während Jahren von einem Geliebten ausgenommen
wurde. In Russland erfährt sie, dass ihr überschuldeter Besitz
unter den Hammer kommt.

Lopachin, Nachkomme von Leibeigenen und jetzt Spekulant, wüsste
Rat: Ljubow soll ihren berühmten Kirschgarten roden, parzellieren
und Datschen darauf bauen. In der aufkommenden kapitalistischen
Freizeitgesellschaft bringen Ferienhäuschen viel ein.

Ljubow kann sich nicht zum Ausverkauf ihres Kindheits-,
Schicksals- und Glücksbiotops durchringen. Am Tag der Versteigerung
setzt sie einen grossen Ball an. Ausgerechnet Lopachin ersteigert
den Kirschgarten und stellt die alte soziale Ordnung auf den Kopf.

Fettreserven aus der Phantasie

Zur so schon reichhaltigen Handlung kommen Nebenhandlungen wie
die beiden ungleichen Liebesgeschichten von Tochter und Pflegekind,
plus viel Raisonnement über den politischen und moralischen Wandel.

Doch die Diät-Version funktioniert. Durch die optische
Aushungerung werden beim Zuschauer Fettreserven in der Phantasie
mobilisiert. Mitunter glaubt man tatsächlich eine kostümierte
Gesellschaft unter Bäumen lustwandeln zu sehen. Ein bisschen
Aufwand vom Zuschauer ist aber schon nötig.

Vielfalt der Mittel

Freilich nicht soviel wie von der Truppe. Die verwendeten Mittel
sind immens. Da gibt es beispielsweise so etwas wie kubistische
Szenen, die man aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig sieht.
Der Bettler bettelt nach vorn, während die Gesellschaft nach hinten
spendet.

Oder das Liebespaar schäkert stumm - wie es ja nun mal am
schönsten ist - während abgewandte Schauspieler ihr Reden
übernehmen. Dazu kommen traditionelle Mittel wie Pantomime und
Slapstick und etwas neuere wie die mehrfache Wiederholung mit
vertauschten Rollen.

Subtile Gewichtung

Dass der Zuschauer ob all dem Sprach-, Rollen- und Stilwechsel
nicht in Verwirrung gerät, ist einer klaren Gewichtung der Rollen
zu verdanken: Je wichtiger eine Figur, desto weniger muss sie
wechseln. Liubow etwa - grossartig Patrizia Barbuiani - darf fast
immer "sich selbst" sein.

Lopachin als zweitwichtigster Part muss nur noch den senilen
Diener übernehmen, was dem Routinier Zohner zahllose Lacher
beschert. Schwieriger hat es da der Amerikaner Nathan Prentice, der
den Dandy Gajew englisch und den Sozialrevolutionär Trofimow
deutsch spricht.

Eine ausserordentlich lohnende Darbietung.

Notiz: Kleintheater Luzern bis 28. September. 31. Okt. bis 1. Nov.
Studio Foce in Lugano. Weitere Aufführungen weltweit in Vorbereitung.




Zeitung Schweizerische Depeschen Agentur (SDA)
Erscheinungsdatum 16.04.02
Erscheinungsort Luzern
Autor Irene Widmer
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